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“Papa du bist echt peinlich!” – Die helle und dunkle Seite des Fremdschämens

Buschtrommel

“Cringe” ist das neue Jugendwort

Das Jugendwort des Jahres lautet „Cringe“. Übersetzt bedeutet es so viel wie „Fremdschämen“. Über eine Millionen Jugendliche haben sich an der Wahl beteiligt. Mit 42 Prozent gewann der Begriff, der schon im Jahr 2020 einen respektablen Platz 2 erreicht hatte.

Fremdschämen scheint also „in Mode“ zu sein. Aber woran liegt das? Häufen sich in unserer Welt Situationen, in denen sich Menschen -aus der Sicht ihrer Beobachter- peinlich benehmen? Ohne jeden Zweifel ist der mediale Alltag gefühlt voll von Fremdschammomenten, angefangen von verzweifelten Ex-Bachelors, die in immer peinlichere Fernsehformate drängen, bis hin zu narzisstischen Ex-Präsidenten, die in Interviews durch nicht minder peinliches fachliches Nichtwissen auffallen. Fremdschämen gibt es seit der Pandemie auch virtuell: Im Netz kursieren unzählige Home-Office Videos, die Menschen in peinlichen Situationen vor der Kamera entlarven, meist untenrum. Meine Tochter schämt sich zurzeit übrigens ebenfalls für nahezu alles, was ich als Papa sozial nicht ganz regelkonform mache. Nackt singen unter der Dusche und durch die Wohnung tanzen geht nicht (mehr). Mein Tun erntet eine der folgenden zwei Bewertungen: „peinlich“ oder „übelst peinlich“.

Aber was genau passiert da eigentlich beim Fremdschämen in unserem Kopf? Und wozu ist das Gefühl gut?

 

Das Gehirn beim Schämen

Eine Arbeitsgruppe aus Norddeutschland fand in mehreren Studien bei ihren Probanden im Gehirn während des Fremdschämens eine Aktivierung der Insula und des vorderen Cingulums. Beide Hirnareale sind beteiligt beim Mitfühlen und beim Hineinversetzen in eine andere Person oder Situation [1].

Aber Fremdschämen ist mehr als ein bloßes Einfühlungsvermögen in die Person. Ginge es nur darum, dass sich eine peinlich berührte Tochter komplett in die Rolle des tanzenden Vaters hineinversetzen würde, entstünde gar kein Cringe. Der tanzende Papa schämt sich schließlich ja gar nicht, sondern findet sein Verhalten völlig angemessen. Vielmehr ist es so, dass sich der Beobachter zwar in die Perspektive des anderen hineinversetzt, aber in seiner eigenen Rolle! Fremdschämen ist also ein Gefühl mit sog. “Stellvertreterfunktion“, also ein Hineinversetzen durch Selbstergänzung der eigenen Person. Die Frage, wie ICH mich dabei fühle, bzw. welche Auswirkung das Verhalten des Anderen auf MICH hat, macht, dass wir uns für den ANDEREN schämen. Daher ist es aus der Sicht meiner Tochter auch weniger peinlich, wenn ich mich in den eigenen vier Wänden danebenbenehme. Stärker ausgeprägt ist das Schamgefühl, wenn ich meinem inneren Kind in der Öffentlichkeit freien Lauf lasse. Und maximal ausgeprägt ist es in der Anwesenheit der Freund*innen. Im schlimmsten Fall droht die vollständige soziale Bannung und Aufkündigung der verwandtschaftlichen Beziehung auf Tage (Ergebnis eines kürzlich abgeschlossenen Selbstexperiments).

In der Fachsprache spricht von dem sog. „Kontaktschuld-Effekt“: Je näher die Person steht, die sich danebenbenimmt, desto schlimmer wirkt sich der Faux-Pas auf einen selbst aus. Denn durch die Nähe der Person könnte es ja besonders nachteilig für einen selbst werden. Fremdschämen wirkt daher nachvollziehbar bei Verwandten und engen Freunden, die aus der Reihe tanzen, stärker aus als bei Unbekannten.

 

Die dunkle Seite

Die unschöne Seite des Fremdschämens ist, dass das Gefühl medial heute ganz bewusst und gezielt auf Kosten schwächerer Menschen erzeugt wird. Im TV werden mitunter ganze Sendungen nach diesem Prinzip veranstaltet. Fast jede Reality-Doku spielt mit der Ressource, sich für Menschen zu schämen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Schrulligkeiten und Absonderlichkeiten unschuldiger Menschen werden als Show-Effekt präsentiert, um gezielt solche Emotionen zu erzeugen. „Deutschland sucht den Superstar“ ist nicht deswegen so erfolgreich, weil durch die Sendung nachhaltig die besten Sänger gecastet werden, sondern weil auf dem Weg zu den Live-Shows viele junge Menschen in möglichst peinlichen Situationen präsentiert und verlacht werden. Maximales Fremdschämen erregt aus psychologischer Sicht die größtmögliche Empörung und die höchste Schadenfreude. Beim Dschungelcamp ist es nicht anders. So unangenehm das Gefühl des Fremdschämens einerseits für einen selbst sein mag, so enorm ist andererseits die Magnetwirkung, die das Gefühl auslöst.

 

Die helle Seite

Fremdschämen hat aber auch einen Vorteil, denn es erfüllt einen bestimmten Zweck. Scham ist nämlich ein Gefühl mit einer normierenden sozialen Funktion. Wenn wir uns schämen (für uns selbst oder für andere) bedeutet das, wir haben die Regeln dessen begriffen, was man tut, und was man besser lässt. Das zu erkennen hilft sich in einer Gruppe sozial angemessen zu verhalten. Möglicherweise erklärt sich so auch die Schamesröte. Sie signalisiert, ich habe verstanden und weiß mich zu benehmen. Die Möglichkeit sich schämen zu können, ist also ein Teil dessen, was wir soziale Kompetenz nennen.

Weil die Fähigkeit Scham zu empfinden so wichtig für eine emotional reife Persönlichkeit ist, beginnt ihre Entwicklung bereits sehr früh. Schon im Alter von etwa 2 Lebensjahren können Kleinkinder Schuld und Scham empfinden. Nichtsdestotrotz darf der Papa in diesem Alter dennoch beim Duschen versuchen zu jodeln – trotz seiner preußischen Abstammung. Die Kinder freuen sich und machen mit. Ab der Pubertät sieht die Sache anders aus. Der Wunsch in einer Gemeinschaft einen akzeptablen Platz einzunehmen, ohne schräg angeschaut zu werden, setzt neue Maßstäbe. Lautes Jodeln ist raus.

Meine Tochter hat mir übrigens einen Regel-Kodex für den Aufenthalt in der Öffentlichkeit „anempfohlen“. Feuchte Küsschen stehen ganz oben auf der Not To Do – Liste. Ob ich mich deswegen besser benehmen werde, konnte ich ihr nicht versprechen. Wie Sie wissen, wächst die Attraktivität einer Handlung mit ihrem Verbot. Aber was ich sicher sagen kann ist, dass ich keine TV-Sendungen mehr schauen will, in denen Menschen sozial ausgeschaltet werden, nur damit ich wieder einschalte. Den zahlreichen Ex-Bachelors und anderen C-Promis wünsche ich von ganzem Herzen, dass sie eine sinnhafte Aufgabe und ihr Lebensglück in Dingen finden, die nicht nur auf Fremdschämen der Fernsehzuschauer beruhen.

Dass der Begriff „Cringe“ zum Jugendwort 2021 wurde, kann genügend Anlass sein, einmal darüber nachzudenken, wie ich finde. Relevant und zeitgemäß scheint das Gefühl (leider) ja zu sein…

 

Literatur

  1. Paulus, F., et al., Laugh or cringe? Common and distinct processes of reward-based schadenfreude and empathy-based fremdscham. Neuropsychologia, 2017. 116.

 

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