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Buschtrommel: Die Qual der Wahl – Warum sich unser Herz oft schon entschieden hat, und warum das ein Fehler sein kann

Begrenzte Rationalität beim politischen Wählen

Es ist mitunter ein Kreuz mit dem Kreuz. Am 26.9. dürfen wir es wieder setzen. Aber wo nur? Viele sind sich noch unschlüssig, und hoffen auf ein überzeugendes „Argument“. Andere wiederum haben sich längst entschieden, natürlich, weil das Wahlprogramm „überzeugend“ war. Für die langjährigen und treuen Parteianhänger stellt sich die Frage gar nicht erst, denn die Zukunft des Landes ist ja „sachlich klar“.

Unser Kopf begründet Entscheidungen gerne, die das Herz längst getroffen hat. Das gilt nicht nur für die Liebe, sondern auch für viele unserer Einstellungen und Überzeugungen: Insbesondere beim politischen Denken unterliegen wir einer sog. „begrenzten Rationalität“ (bounded rationality). Die Wahl seiner Lieblingspartei hängt bekanntermaßen viel weniger vom Parteiprogramm ab als von der Sympathie für den Kandidaten.

Auch das eigene Umfeld, wie bspw. die Meinung des Partners oder die Zugehörigkeit zu einem Freundeskreis in der Schule und in der Nachbarschaft kann den Bleistift am Wahlsonntag mindestens genauso lenken, wie ein sachliches Argument. Bei Menschen, die in einer Gruppe für eine gemeinsame Sache einstehen oder miteinander für etwas jubeln, ist dies einmal untersucht worden. Ein neu in eine Stadt gezogener junger Mann, der sich in einer Gruppe von Fußballfans wohl fühlt, die ihn am Samstagnachmittag ins Stadion mitnehmen auf ein paar Spiele der heimischen Mannschaft, wird deren Begeisterung für den Verein mit hoher Wahrscheinlichkeit übernehmen – und zwar völlig unabhängig davon, um welchen Verein es sich handelt. Der Verein als solcher wäre sogar komplett austauschbar, die Kumpels, bei denen man ein soziales Zuhause gefunden hat, dagegen nicht. Aus dem gleichen Grund kann ein junges Mädchen die umweltpolitischen Überzeugungen von „Fridays for Future“ übernehmen und hochgradig internalisieren, nur weil sie sich in einen Jungen verliebt hat, dem sie gefallen möchte, und der sich für die gleiche Bewegung engagiert. Wenn sich die gemeinsame Sache in einer Gruppe Gleichgesinnter gut anfühlt, dann ist die Wahrscheinlichkeit zur Übernahme der Ideen und Überzeugungen hoch.

Unser denken ist emotional motiviert

In der Kognitionspsychologie sprechen wir von sog. „motivierten Denken“, d.h. viele unserer Einstellungen, Aussagen und Handlungen dienen vor allem der impliziten Emotionsregulierung, und nicht der vordergründigen Sache. Auch wenn wir unsere Neigungen im Nachhinein als „Überzeugungen“ rechtfertigen, verfolgen sie doch in den meisten Fällen emotionale Zwecke, egal ob wir Anhänger einer Partei, eines Fußballvereins oder einer anderen Bewegung sind. Unser Gehirn gelangt in vielen Fällen der täglichen Entscheidungsfindung nämlich zu Urteilen, um negative Affektzustände zu minimieren und positive Affektzustände zu maximieren, die mit der Bedrohung oder Erreichung einere insgeheimer Motive verbunden sind. Wir identifizieren uns im Alltag deutlich seltener mit objektiven Fakten als mit Gefühlen, die unsere Überzeugungen in uns auslösen.

Nach dem Besuch eines Streichelzoos sind bspw. nahezu 100% (!) der befragten Personen gegen Tierversuche. Begründet wird die Einstellung fast immer sachlich und argumentativ. In Wahrheit handelt es sich auch hier um „motiviertes Denken“: Die Sichtweise -zumindest in dem unmittelbaren Moment- entsteht vollständig aus einer Emotion, bspw. weil die Vorstellung, dass den eben gestreichelten Tierchen etwas angetan werden könnte, unerträglich ist. Unser Gehirn tut alles, um die emotionale Bedrohung abzuwenden, findet jedoch rationalen Argumente, um die Sichtweise auch anderen gegenüber zu rechtfertigen.

Das führt uns zu einer unangenehmen Frage: Können wir überhaupt objektiv sein? Der Psychologe Drew Westen und sein Team von der Emory University in Atlanta untersuchten die neuronalen Reaktionen von 30 überzeugten Parteianhängern während der US-Präsidentschaftswahlen 2004 mit Hilfe funktioneller Kernspintomographie (also einem Verfahren, bei dem von der Durchblutung auf die Hirnaktivität rückgeschlossen werden kann). Seine Ergebnisse stimmen nachdenklich: Die vermeintlich rational getroffenen Aussagen über politische Einstellungen waren nahezu ausschließlich mit Aktivierungen des sog. „ventromedialen präfrontalen Cortex“ (vmPFC) und des „anterioren cingulären Cortex“ (aCC) assoziiert. Bei diesen Regionen handelt es sich um Hirnareale, die der impliziten Emotionsregulation dienen, also dem Versuch des Gehirns sich „wohl“ zu fühlen. Dagegen blieb es elektrophysiologisch in Regionen des „kalten objektiven Denkens“ relativ ruhig {Westen, 2006 #18}. „Motiviertes Denken“ formt also zum großen die politische Meinungsbildung, aus emotionalen Gründen. Das kann so weit gehen, dass man sogar objektive Fakten leugnet, damit man das Gefühl des inneren Gleichgewichts aufrechterhalten kann. Der Effekt ist als „Partisan Bias“ bekannt.

Die Autoren der Arbeit vermuten, dass die Selbstbestätigung der eigenen Meinung einen starken Belohnungseffekt auslöst. Dieser sorgt dafür, dass man die gleiche Meinung auch in Zukunft vertreten wird, denn das Gehirn möchte das Glücksgefühl wiederholt erleben. Der Effekt könnte das starke und oftmals rigide Festhalten an Meinungen und Urteilen erklären, die man sich einmal gebildet hat. Selbst bei offensichtlichen Widersprüchen rücken wir häufig nicht mehr davon ab. Auch das Beharren auf der negativen Beurteilung eines Menschen können Belohnungsgefühle auslösen. Auf diese Weise kann ein unangemessenes Lachen an der falschen Stelle einen Politiker bei der enttäuschten Bevölkerung durchfallen lassen. Und Kandidatinnen mit falschen Lebensläufen können mit noch so flammenden Reden oft ihre Mitmenschen nicht mehr überzeugen. Beide mögen viele gute Dinge getan haben, aber die einmal getroffene emotionale Einschätzung erhält sich (biochemisch) aufrecht. Denn das Denken über Menschen und Sachverhalte ist beim Menschen emotional „motiviert“.

Mitunter neigen wir zur Beweisresistenz

Man spricht auch von einer sog. „Beweisresistenz“, wenn sich das Gehirn emotional einmal entschieden hat, obwohl objektive Fakten möglicherweise ein Umdenken erforderlich machen müssten. Das Vertreten der einmal gefassten Meinung ist aus behavioraler Sicht bequem, es ist stoffwechselphysiologisch preiswert, und darüber hinaus belohnt es biochemisch, indem es Glücksgefühle verursacht. Warum sollte man dann also noch mal differenziert über etwas nachdenken und möglicherweise den unbequemen und teuren Weg des „Umdenkens“ einschlagen?

Die Beweisresistenz zeigt sich sogar neurophysiologisch: Vor nicht allzu langer Zeit hat eine Arbeitsgruppe vom Brain Institute der University of Los Angeles unter der Leitung von Sam Harris die zugrunde liegenden Hirnprozesse verifizieren können: In dem Experiment wurden 40 Testpersonen einem Gehirnscan unterzogen und dabei mit unangenehmen Argumenten ihrer Lieblingspolitiker konfrontiert, die unbequemerweise im Gegensatz (!) zu ihren politischen Überzeugungen standen. Die Fragestellung der Studie lautete: Würden die Probanden diese Falschaussagen erkennen und ihre Meinung korrigieren? Würden sie möglicherweise sogar den Politiker als Person in Frage stellen und ihre Meinung ändern, obwohl er oder sie doch Jahre lang ihr Liebling war? Das spannende Ergebnis war wie folgt: Wenn den Probanden offensichtlich Falschaussagen präsentiert wurden, wurden Hirnstrukturen im sog. „Default Mode Network“ (DMN) aktiv, also eine Region, die mit innerem Selbstbezug und dem Abkoppeln von der äußeren Welt verbunden ist. Einfach übersetzt: Widersprüche werden NICHT in kognitiven Hirnzentren verarbeitet, die der faktischen Weltsicht dienen. Das Gehirn zieht sich lieber in die eigene Innenwelt zurück, wenn man etwas hört, was dem eigenen Weltbild widerspricht {Kaplan, 2016 #19}. Unbequeme Wahrheiten, die mit tief verwurzelten Überzeugungen konfrontiert werden, aktivieren im Gehirn vielmehr nach innen gerichtete Prozesse, die mit Rettung des inneren Gleichgewichts und Seelenfrieden zu tun haben, und nicht mit der Sache an sich. Salopp zusammengefasst: Hauptsache, ich fühle mich weiterhin gut, selbst wenn ich objektive Fakten dafür leugnen muss.

Ähnliche Strategien nutzen übrigens kleine Kinder: Bis vor wenigen Jahren hielt sich meine Tochter immer die Ohren zu, wenn ihr als Papa etwas sagte, was sie nicht hören wollte. Was ihren Vorstellungen zuwider lief, wurde einfach von der akustischen Wahrnehmung abgekoppelt. Nach dem einfachen Motto: Was ich nicht höre, ist dann auch nicht mehr da.

Nichtpolitische Meinungen waren von diesem Effekt interessanterweise nicht betroffen. Die Probanden hatten also kein Problem damit, einen Irrtum anzuerkennen, wenn es sich um banale Dinge des täglichen Wissens handelt. Die Behauptung, dass die Donau nur durch 5 Länder fließe, statt durch 10, verursacht im Gehirn keine emotionalen Konflikte, denn ein Konflikt in banalem Alltagswissen berührt nicht unser Selbst; das Eingeständnis eines Fehlers in Geographiekenntnissen ist daher aus der Sicht des Gehirns auch weit weniger bedrohlich. Bei Bedrohung der grundlegenden politischen Einstellung ist jedoch schnell Deafcon-3 Alarm: Der selbstreferenzielle Rückzug des Gehirns bei unbequemen Wahrheiten schützt uns dann sehr effektiv vor dem Übel andersdenkender Menschen – und vor der unbequemsten aller Wahrheiten: Vielleicht liege ich falsch? Und noch schlimmer: Irre ich mich vielleicht schon seit Jahren?

S.O.S heißt übersetzt nicht umsonst: „Rettet unsere Seelen“. Ähnlich verhält es sich bei Konflikten im Gehirn. In kognitiven Notfallsituationen rettet das Gehirn erst einmal das innere seelische Gleichgewicht. Erst was dann noch an Kraft übrig bleibt, wird in das kritische Hinterfragen der eigenen Überzeugungen investiert. Das vornehmliche Ziel unseres Gehirns bleibt immer der Schutz der psychischen Integrität. Es ist die große Überschrift, die über fast allem in unserem Leben steht.

Unser Verstand behält das Veto-Recht

Die gute Nachricht aber ist: Wir können Voreingenommenheit und Fehlschlüsse erkennen. Wir können lernen Widersprüche offen auszusprechen und unsere Meinung ändern. Wir sind nicht gezwungen einer Partei das Kreuz zu geben, nur weil wir es in den Legislaturen zuvor auch taten oder es unsere Freunde auch schon seit Jahren tun. Wir können uns von den medial oberflächlichen Aspekten eines gutsitzenden Anzugs oder eines charmanten Lächelns befreien und hinter die Fassade eines Menschen sehen, dem (und seiner Fraktion) wir unser Land in den nächsten vier Jahren anvertrauen wollen. Das Einzige, was es hierzu bedarf, ist die Bereitschaft präzise zu denken, und etwas Mut sich einen möglichen Irrtum einzugestehen, um daraufhin möglicherweise seine Meinung zu ändern.

Setzen Sie das Kreuz Ende September dort, wo Sie es für richtig halten. Aber tun Sie es besonnen. Machen Sie keine Oberflächlichkeiten und Nebensächlichkeiten zum ausschlaggebenden Punkt, die uns Medien Wochen lang bis zum Erbrechen um die Ohren hauen. Lassen Sie Sachargumente den Ausschlag geben und sehen Sie das größere Ganze.

Motiviertes Denken und implizite Emotionen mögen uns oft lenken. Aber unser Verstand besitzt ein wichtiges Veto Recht. Nutzen wir es…

 

In meinem Podcast „Kampf den Vorurteilen“ erzähle ich Ihnen, wie wir diese Fehlschlüsse erkennen und was wir dagegen tun können. Hören Sie gerne hinein, wenn Sie noch einen kognitiven Anschubser vor dem 26.9. benötigen (Der Podcast ist natürlich völlig unpolitisch!).

http://https://drvolkerbusch.de/podcast-gehirn-gehoert-episode-15-kampf-den-vorurteilen/

 

Literatur

  1. Westen, D., et al., Neural bases of motivated reasoning: an FMRI study of emotional constraints on partisan political judgment in the 2004 U.S. Presidential election. J Cogn Neurosci, 2006. 18(11): p. 1947-58.
  2. Kaplan, J.T., S.I. Gimbel, and S. Harris, Neural correlates of maintaining one’s political beliefs in the face of counterevidence.Scientific Reports, 2016. 6(1): p. 39589.

 

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