Harmonie um jeden Preis?
Letzte Woche bekam ich die Vortragsanfrage eines Unternehmens mit der konkreten Bitte einen „Mindset-Shift vom Negativen ins Positive“ zu begleiten. Man wolle die Teams „durch Stärkung eines gemeinschaftlichen Optimismus für herausfordernde Situationen resilienter machen.“ Ich bekam Gänsehaut, als ich das las.
In einer Gesellschaft, in der wir uns heute gegenseitig weis machen, Positivität sei die einzige richtige Lesart der Welt, kann Optimismus schnell zu einer moralischen Pflicht verkommen: Man MUSS angesichts der bösen Welt mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach vorne schauen. Selbst die beschissensten Launen des Schicksals lassen sich nötigenfalls reframen, bis der gesellschaftlich gesetzte Rahmen des „immer guten“ wieder passt:
Wer in eine Krise rutscht, soll deren Chancen sehen. Wer hadert, soll dankbarer sein (für was auch immer). Und wer zwischenzeitlich zu verzagen droht, soll hier und jetzt seine „Heldenreise“ beginnen.
Ein höchst zweifelhaftes psychologisches Anforderungsprofil für Menschen, die es gerade wirklich schwer haben. Und eines, das in seiner Falschheit allein von seiner Unmenschlichkeit übertroffen wird.
Ansteckender Optimismus
Ein gesunder, dispositioneller Optimismus hat zweifelsohne viel Gutes und Kraftvolles, aber nur, wenn er auch tatsächlich so empfunden wird, und zwar völlig freiwillig. Sobald er zum (Gruppen)Zwang wird, während die Hälfte des Teams in ihrem Inneren eigentlich ganz anders fühlt, verliert er seine Bedeutung und verkehrt sich ins Gegenteil.
Ich möchte Ihnen -ganz therapeutisch natürlich- eine Satire empfehlen, die dieses Thema großartig persifliert, wie ich finde:
In der TV-Serie PLURIBUS infiziert eine außerirdische DNA die Menschen mit einem Virus, der alle in eine kollektiv glückliche, aber willenlose Masse transformiert. Die Menschheit verschmilzt zu einem emotionalen Einheitsbrei des Positiven: friedlich, ruhig und vor sich hinlächelnd. Nur die Hauptdarstellerin Carol, vom Charakter eher zynisch-misanthropisch, ist dagegen immun. Sie versucht das Virus irgendwie aufzuhalten und (emotionalen) Widerstand zu leisten. (Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten).
Vielfalt macht stark
Gemeinsames Glücklichsein um jeden Preis ist kein Gewinn, wenn gleichzeitig das Anderssein sozial unerwünscht ist oder gar verboten wird. Ein kollektiv erzwungener Optimismus macht keine Gruppe resilienter. Denn manchmal ist es gar keine Stärke, überall an das Gute zu glauben, sondern es ist viel mutiger auszuhalten, dass man gerade nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Erst das macht die Sicht wirklich klar (statt rosarot). Und genau deswegen braucht jedes Team und jede Gesellschaft Abweichler, die anderes denken und fühlen, als es der Mainstream vorgibt, auch wenn es die „Harmonie“ zwischenzeitlich einmal gefährdet.
Ich hatte dem Unternehmen übrigens ein Tag später die Keynote zugesagt, aber vorgeschlagen, dass ich stattdessen über „Vielfalt“ in Teams sprechen dürfte.
Bislang habe ich keine Antwort erhalten… ♂️

Beitragsbild Blog Kopsachen: Zwang zum Optimismus macht niemanden stark