Post hoc ergo propter hoc
Menschen irren besonders dann, wenn sie zu schnell glauben verstanden zu haben: Ein ärztlicher Kollege, auf social media gemeinhin bekannt für Verschwörungsideen über Schulmedizin und Pharmaindustrie, verbreitete kürzlich die krude These, Arztkontakte machten Menschen statistisch bewiesen krank! Seine Begründung: In skandinavischen Ländern, in denen Menschen seltener Ärzte aufsuchten, seien die Menschen nachweislich viel gesünder und lebten länger.
Einen solchen Fehlschluss nennen wir in der Wissenschaft „Post hoc ergo propter hoc“ (lat.: „danach, also deswegen“). Er beschreibt die irrige Annahme, dass ein Ereignis A die Ursache eines Ereignis B ist, weil A zeitlich vor B auftrat. Annahmen dergestalt sind nicht ungefährlich, weil sie politische Fehlentscheidungen, Aberglauben oder Verschwörungstheorien begünstigen können. Unsere Geschichte ist voller trauriger Beispiele: Wenn Frauen im 16. Jh. der Hexerei verdächtigt wurden, reichte ein Gewitter am nächsten Tag, um es als unwiderlegbaren Beweis für ihren Frevel zu interpretieren und sie hinzurichten.
Viel schlauer sind wir heute nicht: Die Covid-Pandemie 2020 brach kurz nach der Einführung der 5G-Technologie aus (2018/19). Folglich wurden von vielen damals die Sendemasten mitverantwortlich gemacht für die Ausbreitung des Virus. Und auch in der Welt nach Corona hält sich der Denkfehler wacker: Einige meiner Patienten schlucken während der aktuellen Erkältungswelle irritierend hohe Mengen an Vitamin C, Zink und Magnesium. Kommt es 3 Tage später zu einer Besserung der Symptome, führen sie diese auf ihre Supplementierung zurück. In allen genannten Beispielen ist es der fälschliche Glaube an einen (zeitlichen) Zusammenhang, wo gar keiner besteht. Wetterumschwung, Virusverbreitung und Schnupfenheilung hätten sich auch so ereignet.
Annahmen sind oft unterkomplex
Natürlich kann Kausalität dort bestehen, wo Dinge zeitlich aufeinander folgen. Aber sie lässt sich durch die zeitliche Abfolge allein nicht belegen! Es doch zu tun, ist wissenschaftlich grob fahrlässig. Wo im Netz heute teils so viel medizinischer Unsinn verbreitet wird, möchte ich uns alle zur Vorsicht mahnen, ohne herablassend zu wirken: Bitte erst nachdenken, dann posten!
Grobe Vereinfachungen mögen sich griffig anfühlen, sind aber oft falsch, weil sie unterkomplex bleiben. Und einmal in der Welt, lassen sie sich nur noch schwer ausräumen. Man kommt nicht umhin, an den Satz eines großen Satirikers zu denken: „Für jedes komplexe Problem gibt es eine Lösung, die einfach, naheliegend und falsch ist.“
Vielleicht ist die Richtung des Zusammenhangs zwischen Arztbesuchen und Gesundheit in den nördlichen Ländern Europas, falls es überhaupt einen gibt, ja genau andersherum, lieber Herr Kollege: Möglicherweise sind die Skandinavier nicht gesünder, weil sie seltener Kontakt zu Ärzten haben, sondern sie benötigen schlichtweg weniger Arztbesuche, weil sie gesünder leben…

Blog Kopfsachen Beitragsbild: Vorsicht vor vorschnellen Zusammenhängen