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Vitamine gegen Burnout?

Ein irritierender Trend

Vor wenigen Wochen stellte sich ein Patient in meiner Stressambulanz vor im Zustand eines Burnouts. Er stellte ein Sprühflasche mit dem Titel „Burnout Komplex“ auf den Tisch und fragte mich, ob ich etwas hilfreicheres wüsste. Das „Zeug“ hätte nicht geholfen, obwohl es im Internet angepriesen worden sei. Verwundert nahm ich das Präparat unter die Lupe. Es enthielt eine Kombination u.a. aus Taigawurzel, Kava-Kava und Melisse. Die Empfehlung lautete „3×3 Sprühstöße“, dann fände man seine „Energie und Lebensfreude“ wieder.

Die moderne Medizin hat in vielerlei Hinsicht etwas Irritierendes. Still und leise hat sich das Konzept „Gesundheit“ von einem Zustand, den man sich demütig mit Verzicht, Disziplin und Geduld erarbeitet, zu einer Dienstleistung gewandelt, die man im besten Fall bequem konsumieren kann: Wer es tagsüber nicht in die Sonne schafft, nimmt ersatzweise etwas mehr Vitamin D. Wer nicht schlafen kann, schluckt Melatonin, statt die Gestaltung des Abends zu überdenken. Und wer sich erschöpft fühlt, schielt besorgt auf den Magnesiumspiegel, statt nach wahrscheinlicheren Ursachen im Tagesablauf, im Job oder in der Beziehung zu suchen. Lange Jahre halbwegs verschont, scheint heutzutage gerade die psychosoziale Gesundheit in Form von Kapseln, Pulver oder Sprays verpackt, bestellt und konsumiert werden zu können.

 

Naive Vorstellungen von Gesundheit

Ein aktueller Megatrend aus den USA, der derzeit bis nach Hamburg schwappt, sind die „Drip Bars“. Dort bekommen Lebensgestresste verschiedene Gesundheitsinfusionen gegen durchzechten Nächte, für mehr Leichtigkeit im Job, und für (kein Witz!) „strahlende Schönheit von innen“. Alles ist nur eine Frage der richtigen Vitaminspiegel. Das Versprechen klingt verführerisch: Gesundheit ohne Mühe und Anstrengung. Einfach Termin online buchen, vorbeikommen, und medizinische Heilung genießen. Das ist den Kunden 100-300 Euro pro Beutel wert.

In der Philosophie spricht man von naiven Determinismus, wenn man Komplexität auf einfachste Gesetzmäßigkeiten reduziert. In Bezug auf unsere Gesundheit geschieht es nicht ohne Risiko: Zum einen suggeriert man sich selbst, man habe seine (psychische) Gesundheit präzise unter Kontrolle. Das ist jedoch eine Illusion, die äußerst schmerzvolle Konsequenzen haben kann, denn sie gehorcht keinen stöchiometrischen Wirkstoffspiegeln. Zum anderen fördert das Konsumverhalten die eigene Passivität. Denn wer glaubt, Zufriedenheit, Leichtigkeit oder Entspannung ließe sich infundieren, verliert das Bewusstsein dafür, dass man sie täglich durch eine selbstverantwortliche Lebensgewohnheiten gestalten muss.

 

Handlung statt Bestellung

Burnout ist eine völlig normale Reaktion auf eine chronische Überforderung. Das Erschöpfungssyndrom zeigt nicht an, dass ein Vitaminmangel besteht, sondern dass etwas in der Lebensführung aus dem Ruder gelaufen ist. Entsprechend sollten Betroffene auch in diesem Bereich tätig werden. Gesundheit ist in diesem Zusammenhang zuvorderst Handlung und keine Bestellung.

Die 4 wichtigsten Faktoren psychischer Gesundheit sind 1) eine als sinnvoll erlebte Aufgabe, 2) stützende soziale Bindungen, 3) ausreichend körperliche Bewegung und 4) ein erholsamer Schlaf. Keine dieser Faktoren lässt sich in Form von Kapseln schlucken oder in den Hals sprühen.

Aber sie lassen sich leben!

 

Beitragsbild Blog Kopfsachen: Vitamine gegen Burnout?

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Es wäre mir eine große Ehre und Freude, wenn ich Sie künftig mitnehmen dürfte auf meine Reise durch die Welt von Geist und Gehirn.

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