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Verlieren wir unsere soziale Hemmungen?

Die Bremsen unseres Verhaltens

Vorgestern wurde Jannis H. in Gießen zu knapp 8 Jahren Haft verurteilt, weil er jahrelang einen weltweiten Internet-Drogenhandel betrieben hatte, alles vom Schreibtisch aus. Der Prozessbeobachter beschrieb, dass sich der junge Mann vor Gericht erstmals der realen Konsequenzen seiner Taten vollends bewusst geworden sei. Für Reue war es jedoch zu diesem Zeitpunkt zu spät.

Dass wir im täglichen Miteinander (zumeist) ethisch verantwortlich handeln, fußt nicht zuvorderst auf einer höheren Moral, sondern verdanken wir verschiedenen Hemmprozessen: Beim Blickkontakt bekommen wir Skrupel. Wir werden vorsichtig und zurückhaltend, weil wir soziale Konsequenzen unserer Taten befürchten. So hemmt in unserem Gehirn der vmPFC (BA 10/11) feindseliges Verhalten. Von zwischenzeitlichen Racheplänen lassen wir deswegen meist wieder ab. Der IFG (BA 44/45) bremst impulsive Motorik. Eine vor Wut geballte Faust verbleibt meist in der Hosentasche.

Diese sozialen Bremsen entfalten sich vollends jedoch nur im Angesicht des anderen. Weil wir heute aber unsere Präsenz immer konsequenter in den virtuellen Raum verlagern, reagieren wir insgesamt sozial enthemmter und sind eher bereit, Dinge zu sagen und zu tun, vor denen wir sonst zurückschrecken würden 1.

 

Wir lassen uns gehen, wenn wir den Kontakt verlieren

Viele Aggressionen werden heute niedrigschwelliger ausgelebt, weil der Mensch-zu-Mensch Abstand größer wird. Wenn wir weniger soziale Sanktionen für unser Handeln befürchten müssen, unser Gegenüber nicht mal sehen, lassen wir uns eher gehen. Mit wachsender Distanz zueinander steigt die moralische Dissoziation 2: Bereits getönte Scheiben in einem Auto können provozierendes Verhalten nachweislich steigern (flaming). Cybermobbing und verbale Beleidigungen geraten im Schutz des Internets umso verletzender 3. Und selbst das Töten von Menschen kann leichter fallen, wenn es durch weit entfernt gesteuerte Kampfdrohnen ausgeführt wird 4.

Die gute Nachricht lautet: Wir sind nicht unempathischer geworden, wie man manchmal liest. Die Fähigkeit des Einfühlens ist nicht verloren gegangen! Aber wir schaffen heute immer mehr Lebens- und Arbeitsbedingungen, in denen die normative Regulation unseres kooperierenden Verhaltens wegfällt. Es liegt an uns, ob wir aufeinander zu gehen oder in einer künstlich immer intelligenter werdenden Welt „gemeinsam einsam“ werden. Es ist die Nähe zueinander, die unser Verhalten re-humanisiert in einer Welt, die gefühlt immer kälter wird.

 

Am Du zum Ich

Der Philosoph Martin Buber beschrieb zeit seines Lebens die Qualität menschlicher Begegnungen, in denen sich viel Gutes entfaltet, weil unsere Spezies auf diese Art des Miteinanders angewiesen (und zugleich spezialisiert) ist. Dabei wird der Mensch erst im Angesicht seines Gegenüber zu einem vollwertigen Wesen. Eine schöne Beobachtung, die ich hier aus vollem Herzen teilen möchte. Einer von Bubers zentralen Aussagen bringt es auf den Punkt:

„Der Mensch wird am DU zum ICH“.

Beitragsbild Blog Kopfsachen - Soziale Bremsen unseres Verhaltens. Werden Sie ausgehebelt?

Beitragsbild Blog Kopfsachen – Soziale Bremsen unseres Verhaltens

Es wäre mir eine große Ehre und Freude, wenn ich Sie künftig mitnehmen dürfte auf meine Reise durch die Welt von Geist und Gehirn.

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