Eindeutige Studienergebnisse
Die LinkedIn News DACH-Redaktion bat mich gestern Abend, einen Kommentar zu einer aktuellen Studie zu verfassen, die über 5.200 Schüler aus 28 Schulen Italiens auf den Zusammenhang zwischen Social Media Konsum und ihren Schulleistungen untersuchten.
Weil ich eine brave LinkedIn TOP VOICE bin (und ganz offensichtlich zu wenig Hobbys und Freunde habe), habe ich mir das gleich mal etwas näher angesehen:
Die Arbeit ist hochwertig! Die Wissenschaftler der Universität Mailand-Bicocca haben die Leistungen in drei Kernfächern bei Kindern untersucht, die vor der 9. Klasse ein eigenes Konto auf TikTok, Insta oder Snapchat bekamen, oder erst ab diesem Zeitpunkt 1. Was die Studie so wertvoll macht, ist ihr prospektiver Ansatz. Die Daten wurden im Längsschnitt erhoben und mit einem statistisch hochwertigen Difference-in-Difference (DID)-Modell ausgewertet. Auf diese Weise kann die Veränderung einer Zielgröße vor und nach einer Intervention quantifiziert werden. (Die Ergebnisse ermöglichen damit deutlich belastbarere Aussagen zu kausalen Zusammenhängen, im Gegensatz zu Querschnittsanalysen, die nur Korrelationen erlauben.)
Das Ergebnis war erschreckend: Die Jugendlichen mit früher social media-Nutzung schnitten in Mathematik und Italienisch signifikant schlechter ab. (Bei Englisch waren die Effekte niedriger.) Die mittlere Effektstärke lag bei 0,22 bis 0,27 Standardabweichungen, was in der Bildungsforschung etwa dem Lernfortschritt eines halben Schuljahres entspricht! Je früher ein eigenes Konto bestand, desto gravierender war die Verschlechterung. Zusätzlich blieben die „early adopters“ signifikant häufiger sitzen als die „late adopters“. Schlafmangel, reduzierter Lernzeit und allen voran eine gestörte Konzentration sind die Ursachen der Social media verursachten Leistungsabnahme.
Datenlage in Deutschland
Eine deutsche Studie mit einem so hochwertigen Design gibt es meines Wissens (noch) nicht. Aber dünn ist die Datenlage auch bei uns nicht. Die IQB-Bildungstrend-Studien zeigen, dass die durchschnittliche Lesekompetenz in fast allen Bundesländern seit 2011 gesunken ist, parallel zur massiven Zunahme der Bildschirmzeit von Kindern und Jugendlichen. Hier sind es leider nur Korrelationen, aber immerhin starke Hinweise auf einen statistischen Zusammenhang.
„Wohin du deine Aufmerksamkeit richtest, bestimmt, wer du wirst“, heißt es bei Epiktet. Wir sollten unseren Kindern helfen, sie besser zu steuern. Die Studie aus Italien liefert einen weiteren (starken) Beleg für das, was passieren kann, wenn uns das nicht gelingt. Immerhin: Etwa 85% der befragten Erwachsenen in Deutschland befürworten ein Social-Media-Mindestalter von 16 Jahren. Auch unter den Jugendlichen selbst würde dies ein Anteil von 47% unterstützen. Ich finde: Wenn selbst Betroffene zustimmen, sollte man Ihnen genau zuhören.
Die Frage wird sein, wie viele Daten wir eigentlich noch brauchen, um in politisches Handeln zu kommen…
Literatur
- Gui, M., et al., Longitudinal effect of early social media use on standardized learning outcomes during school career. Nature Human Behaviour, 2026.

Beitragsbild Blog Kopfsachen: Social Media verschlechtert die Schulleistungen