Neues aus... KopfsachenNews

Schweigen ist Gold – Warum Chatbots in der Therapie scheitern

Schweigen ist Gold

Chatbots können in Windeseile Worte und Sprache zusammensetzen und beeindruckend schnell Antworten geben. Aber eines lassen sie im Dialog zuverlässig außen vor – miteinander zu schweigen.

In dem etwas vertrackten Therapieprozess mit einem Klienten kam ich kürzlich an einen Punkt, an dem weder er noch ich weiter wussten. Es war das meiste gesagt, aber vieles weiterhin durcheinander und offen. Ich schlug ihm deshalb etwas vor, worauf ich in solchen Momenten oft und gerne zurückgreife: miteinander ein paar Schritte zu gehen, ohne dabei zu sprechen.

Begegnung mit sich selbst

Schweigen im therapeutischen Prozess bedeutet nicht, dass etwas fehlt. Vielmehr ermöglicht es eine ganz besondere Form geistiger „Anwesenheit“. Sobald die äußere Geschwätzigkeit zum Stillstand kommt, bekommt unser Gehirn nämlich die Chance für einen inneren Dialog. Selbstreferenzielle Netzwerke werden aktiv und erzeugen einen sog. Default Mode. Hier werden Gedanken sortiert und Gefühle geordnet. Das Erlebte klingt nach und bekommt eine tiefere Bedeutung. Diese stille Auseinandersetzung mit sich kann sehr viel mehr Klarheit schenken, als unentwegt zu quasseln oder zu diskutieren.

Carl Rogers nannte das Schweigen jenen Moment, in dem „der Klient sich selbst begegnet“. Die Berater und Therapeuten unter Ihnen kennen den Aha-Effekt, der selten im Reden selbst, sondern öfter in der Lücke dazwischen entsteht. Schweigen markiert eine Art Pause, an der eine innere Verarbeitung angestoßen und konsekutives Verstehen möglich wird. Interessanterweise verstand Heidegger das Schweigen sogar als „ursprüngliche Rede“ (insbesondere bei Gewissensfragen). Wer gerade nicht weiter weiß, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Das ist nicht immer angenehm, aber stößt überhaupt erst einen tiefen Bewusstwerdungsprozess an.

Chatbots können nur antworten

Derzeit werden Chatbots immer mehr in den beratenden und therapeutischen Prozess miteinbezogen. Das möchte ich an dieser Stelle nicht einseitig kritisieren. Aber sie sind darauf programmiert, immer (!) eine Antwort zu finden, und das möglichst schnell. Die Komponente des Schweigens findet in diesem Prozess -naturgegeben- nicht statt. Ihre Nutzung ist typischer Ausdruck unserer Zeit: „Auf eine Frage möchte ich eine sofortige Antwort. Für tiefere Abwägungsprozesse habe ich keine Geduld.“ So kann echte Urteilskraft in komplexen Fragen kaum gelingen und genauso wenig reifen. Wer dem Schweigen stets aus dem Weg geht, meidet sich selbst. Erst, wer gelegentlich „Sprachlosigkeit“ aushält, beginnt zu denken und daraus etwas zu entwickeln.

Ob Sie es glauben oder nicht: Der stille Spaziergang mit meinem Klienten wurde zu einem Kristallisationspunkt. Das Problem besteht weiterhin, aber wir haben endlich eine Vorstellung davon entwickelt, was jetzt wichtig ist.

Chatbots geben Antworten, die das eigene Denken oft nicht mehr nötig machen. Schweigen gibt erst mal keine Antwort, aber es fördert das Denken und die eigene Lösungsfindung…

Ohne Worte…

 

Beitragsbild Blog Kopfsachen: Schweigen ist Gold

Beitragsbild Blog Kopfsachen: Schweigen ist Gold

Es wäre mir eine große Ehre und Freude, wenn ich Sie künftig mitnehmen dürfte auf meine Reise durch die Welt von Geist und Gehirn.

Schauen Sie doch mal hier:

Ich freue mich riesig, wenn Sie diesen Beitrag teilen.

Menü