Ein Paradox
Einem berühmten Schriftsteller wird der folgende Satz zugeschrieben: „Die Medizin ist heute so weit fortgeschritten, dass niemand mehr gesund ist.“
Was hier vermutlich satirisch gemeint war, ist leider nicht frei von einer gewissen Wahrheit: Ist Ihnen mal aufgefallen, dass wir trotz eines wachsenden Bewusstseins für psychische Belastungen in den letzten Jahren offiziell kein bisschen gesünder geworden sind?
Wir forschen und wissen mehr, klären frühzeitiger auf und berichten medial häufiger, und nicht zuletzt behandeln wir sowohl therapeutisch als auch pharmakologisch deutlich besser als früher. Psychotherapie und Psychopharmakotherapie genießen eine ungleich höhere Akzeptanz als noch vor 25 Jahren 1 und psychische Gesundheit wurde noch nie so stark zum gesellschaftlichen Thema wie heute. Trotzdem sinken die Zahlen für Depressionen und Ängste in der Bevölkerung nicht. Dieser Widerspruch wird Treatment-Prevalence-Paradoxgenannt 2. In einfachen Worten: Mehr Wissen und mehr Behandlung führen nicht zu einer geringeren Prävalenz.
Wie kann das sein?
Die Schwellen sind niedriger
Vorschnell mag man gestiegene private oder berufliche Belastungen anführen, aber ein Aspekt, der eine mindestens ebenso große Rolle spielen könnte, ist der Prävalenz-induzierte Konzeptwandel:Werden schwerer Krankheitsverläufe seltener (etwa durch eine bessere medizinische Versorgung), verschieben Menschen ihre Wahrnehmung, so dass vergleichsweise mildere Ausprägungen unter denselben Begriff fallen 3. Wenn bspw. Versuchspersonen in einem Experiment im Verlauf immer weniger Krankheitsfälle mit schweren psychischen Symptomen präsentiert bekamen, begannen sie zunehmend, auch leichtere Symptome als psychisch krank einzuordnen 4.
Was wir unter psychischer Krankheit verstehen, ist also keine unveränderliche Größe. Unsere Wahrnehmungsgrenze kann sich verschieben – und damit möglicherweise auch die Grenze zwischen normalem menschlichem Erleben und psychischer Störung. Krankheit war noch nie ein biologischer, sondern immer ein gesellschaftlicher Begriff!
Aufmerksam bleiben
Daraus folgt selbstverständlich nicht, psychisches Leiden kleinzureden oder Menschen die notwendige Hilfe vorzuenthalten. Aber wir sollten aufpassen, dass aus größerer Sensibilität nicht automatisch größere Pathologisierung wird. Nicht jede Traurigkeit ist eine Depression, nicht jede Angst entspricht einer Störung, und nicht jede Erschöpfung ist der Vorbote eines Burnouts. Zum Menschsein gehören Niedergedrücktheit, Unruhezustände, Schlafstörungen und miese Tage, an denen wir nicht im geringsten leistungsfähig sind. Zweifelsohne brauchen wir weiterhin eine feinfühlige Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen, aber gleichzeitig auch etwas diagnostische Gelassenheit. Lassen wir ein wenig Platz für nicht krankhafte Formen von Traurigkeit, Kummer, Angst und Nervosität.
Sonst machen wir unser Land kränker als es ist.
Literatur:
- Angermeyer, M.C., et al., Public attitudes towards psychiatry and psychiatric treatment at the beginning of the 21st century: a systematic review and meta-analysis of population surveys. World Psychiatry, 2017. 16(1): p. 50-61.
- Ormel, J., et al., More treatment but no less depression: The treatment-prevalence paradox. Clin Psychol Rev, 2022. 91: p. 102111.
- Levari, D.E., et al., Prevalence-induced concept change in human judgment. Science, 2018. 360(6396): p. 1465-1467.
- Speerforck, S., et al., ‚Concept creep‘ in perceptions of mental illness – an experimental examination of prevalence-induced concept change. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci, 2026. 276(1): p. 33-37.

Beitragsbild Blog Kopfsachen Busch: Wir werden nicht gesünder