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Video-Calls machen wenig empathisch

Verstehen ohne Sprache

Kürzlich beobachtete ich zwei hochbetagte Damen, die einträchtig nebeneinander im Foyer unserer Klinik saßen und sich angeregt miteinander unterhielten. Sie redeten über völlig unterschiedliche Dinge, und sprachen permanent aneinander vorbei. Dennoch genossen sie ihr Gespräch, ohne dass es im Geist der Hegel‘schen Dialektik zu irgendeiner Synthese gekommen wäre. Sie „verstanden sich“ auch ohne sprachliche Einigung. Ihre Kommunikation gelang auch so. Das war rührend zu beobachten.

Wie sagt man so schön: Wo zwei Herzen sich verstehen, tanzen selbst die Gedanken im Gleichklang.

Dass wir uns gut verstehen, ist nicht allein von den Worten abhängig, die wir wählen. Wenn sich Menschen begegnen und in eine Beziehung zueinander kommen, ereignen sich wundersame Prozesse der Angleichung: Eine Arbeitsgruppe aus Japan fand heraus, dass sich der Gang von Menschen bei einem Spaziergang synchronisierte, wenn sie sich sympathisch waren und sich emotional aufeinander einließen.

Auch der Herzschlag zwischen Menschen gleicht sich an, wenn sie sich gegenseitig zuhören.

 

Auf einer Wellenlänge

Seit Kurzem wissen wir, dass sich auch neuronale Netzwerke in unserem Gehirn synchronisieren, wenn wir echten Anteil aneinander nehmen. Die elektrischen Frequenzen, mit denen Zellverbände im Hintergrund Informationen austauschen, werden sich nämlich zunehmend ähnlicher. Man sagt bekanntlich „Menschen, die auf einer Wellenlänge liegen, verstehen sich besser“. Die neurophysiologischen Befunde geben der bekannten Redensart recht.

Leider mit einer Einschränkung: Eine Studie der Reichmann Universität zeigte kürzlich, dass die Synchronisierung signifikant abnimmt, sobald wir über Bildschirme miteinander kommunizieren! In Video-Calls synchronisierten die Hintergrundfrequenzen deutlich schlechter als beim Gespräch im Büro, in der Kantine oder in einem Krankenhausfoyer.

Das könnte erklären, warum digitale Gespräche während Videokonferenzen nicht selten Missverständnisse auslösen und als anstrengend wahrgenommen werden. Anteilnahme und Verständnis fallen über den Bildschirm nämlich nachweislich schwerer.

(Falls Sie sich künftig am Bildschirm nicht mehr verstanden fühlen, sagen Sie also am besten nicht: „Du tickst wohl nicht ganz richtig!“, sondern stattdessen: „Du schwingst wohl nicht ganz korrekt!“ Das wäre neurophysiologisch korrekter.)

 

Nähe transportieren

Natürlich bin ich froh, dass Videocalls für den schnellen Informationsaustausch nutzen kann. Das hat vieles erleichtert. Aber echte kommunikative Energie fließt zwischen Menschen, die in einen lebendigen Kontakt zueinander kommen. Keine Bildschirmkonferenz kann das ersetzen. Denn die Wellenlänge, auf der wir Menschen miteinander schwingen, transportiert mehr als Worte.

Sie transportiert Nähe…

 

Literatur:
1.         Cheng, M., et al., Paired walkers with better first impression synchronize better. PLoS One, 2020. 15(2): p. e0227880.
2.         Schwartz, L., et al., Technologically-assisted communication attenuates inter-brain synchrony.NeuroImage, 2022. 264: p. 119677.

 

 

Beitragsbild Kopfsachen: Keine Synchronisierung

Beitragsbild Kopfsachen: Keine Synchronisierung

Es wäre mir eine große Ehre und Freude, wenn ich Sie künftig mitnehmen dürfte auf meine Reise durch die Welt von Geist und Gehirn.

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