Übersichtliche Rezepte
Eine bekannte Anekdote erzählt von einem Physiker, einem Biologen und einem Chemiker, die darüber diskutierten, welche Struktur auf unserem Planeten die komplexeste sei. Schnell kamen darin überein: das menschliche Gehirn.
Umso irritierender ist es, dass eben solches in den sozialen Netzwerken zunehmend auf etwas Küchenchemie zusammengeschrumpft wird. Ein paar wenige Katecholamine erklären Liebe, Burnout, Motivation und Midlife-Crisis. Die daraus abgeleiteten Rezepte bleiben übersichtlich: Dopamin macht süchtig, Endorphine machen glücklich, und Kortisol ist ein Bösewicht, den es unbedingt zu unterdrücken gilt. Die Empfehlungen reichen von „Parasympathikus-Hacks“, über „Dopamin-Detox“ bis hin zu „epigenetischen Tools“ für ein langes Leben. Keine Vereinfachung kann simpel genug sein. Neulich las ich (hier) in einem Post, γ-Aminobuttersäure (GABA) könne den Menschen in Zeiten der Unsicherheit Hoffnung geben. Es ist selten, dass mir mal die Worte fehlen.
Ein profundes Grundlagenwissen scheint für eine neurobiologische Expertise nicht mehr notwendig, ein gesundes Selbstvertrauen reicht völlig!
Naiver Determinismus
In der Philosophie spricht man von „naiven Determinismus“, wenn komplexe Systeme auf primitive Zusammenhänge reduziert werden. Dem Gehirn wird das nicht ansatzweise gerecht. Seine Biochemie ist nämlich Teil hochdynamischer und komplizierter Rückkopplungen und Wahrscheinlichkeiten. So beteiligt sich Serotonin zwar an Prozessen der Stimmung, kann aber auch das Erbrechen fördern. Nun weiß jedoch jeder: Kotzen verbessert selten die Stimmung. Dafür braucht man kein Studium der Neurobiologie. Wie kann das sein? Die Antwortet ist unbequem: Serotonin allein erzeugt spezifisch fast überhaupt nix. Vielmehr kommt es darauf an, wann, wo und in welchem synaptischen Kontext es wirkt.
Man nennt es Emergenz, wenn das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Wasser entsteht auch aus zwei Gasen, die beide keinerlei Eigenschaft ihres Produktes aufweisen. Aber ihre Verbindung erzeugt etwas über seine Bestandteile hinaus. Auch unsere Gefühlen sind emergent: Sie entstehen durch die geistige Interpretation emotionaler Zustände, die über die Wirkung eines einzelnen Neurotransmitters hinausreicht. Deswegen erzeugt Phenylethylamin noch lange keine romantische Liebe und ein Oxytocin-Nasenspray allein verursacht bei Ihren Mitarbeitern kein Vertrauen.
Komplexität akzeptieren
Das zu verstehen, fällt schwer – es zu akzeptieren, noch mehr. Denn Komplexität lässt sich schlecht posten, und ein simpler „Hack“ zieht mehr Aufmerksamkeit. Nichts gegen eine behutsame Vereinfachung, die der Verdeutlichung dient. Aber hüten wir uns davor, die Dinge so stark zu verzerren, bis sie Komplexität auf eine infantile Weise verstümmelt.
Eine bekannte Paraphrase von Albert Einstein lautet: „Halte es einfach…“. Weniger bekannt ist, dass er damals noch etwas Wichtiges hinzufügte: „…aber niemals einfacher!“

Vorsicht vor Vereinfachungen