Positiv ausbaden
Nach einem Vortrag von mir über ZUKUNFT vor wenigen Tagen äußerte eine junge Dame offen Ihre Sorge bezüglich der Entwicklungen in der Welt. Man spürte ihre Wut auf politische Orientierungslosigkeit und ein Gefühl von Ohnmacht. Daraufhin fuhr ihr eine andere Teilnehmerin über den Mund, sie möge „dankbar“ sein für das Leben und „das gute sehen“. Immanuel Kant hätte seine Freude an diesem Imperativ gehabt, mit der hier Positivität gleichsam moralisch aufgezwungen wurde. Die Dame selbst verstummte und zog sich kleinlaut zurück.
Verkommt Positivität heute mitunter zu einer Art inneren Disziplinierungsstrategie? In vielen Motivationsseminaren wird mit hohle Phrasen des Positiven um sich geworfen. Viele Glaubenssätze wirken dabei eher wie eine Betäubung, um den eigentlichen Schmerz nicht zu spüren: „Alles hat seinen Sinn“, „Sei dankbar“ und „In jeder Krise liegt eine Chance“. Störgefühle von Trauer, Wut oder Hoffnungslosigkeit kann man „wegcoachen“ oder mit etwas Jasmin und Sandelholz abatmen. Glück bleibt Pflicht!
Von einer Klientin erfuhr ich unlängst von den grenzwertigen Arbeitsbedingungen einer Zeitarbeitsfirma. Als ich auf deren Internetseite recherchierte, schlug mir ein höchst befremdliches Angebot an diversen Workshops entgegen zu „mehr Achtsamkeit“ und einer aufrechten „innerer Haltung“. So kann die alleinerziehende Mutter, die nach Jahren der Suche immer noch keinen Kita-Platz für Ihr Kind hat (obwohl es Politik seit Jahrzehnten verspricht), immerhin noch an ihrem „growth mindset“ arbeiten. Zynismus kennt viele Gesichter.
Verschleierung der Probleme
Positivität zentriert hier längst nicht mehr das Wohlergehen des Einzelnen, sondern dient als Ersatzstrategie im Umgang mit den Missständen in der Welt, die dringend geordnet gehören. Das „Think Positive“ Universum verschleiert strukturelle Probleme. Es kaschiert, dass viele Alltagsprobleme der Menschen heute die Folge fehlgeleiteter Politik und kein Mangel an der „richtigen Einstellung“ sind. Es wälzt sie stattdessen auf das Individuum ab.
Positivität darf jedoch nicht zum Instrument verkommen, um die Aufmerksamkeit von politischen Missstände wegzulenken. Das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Schlimmstenfalls erschöpft sich der Kampf um ein besseres Morgen in einem Kampf mit sich selbst. Und das Politische driftet vollständig ins Psychologische ab.
Negative Gefühle sind ein Motor
Seit 25 Jahren bin ich Neuromediziner und Wissenschaftler und versuche meinen Mitmenschen zu einem gelingenden Leben zu verhelfen. Dabei arbeite ich nicht ohne Grund mit der ganzen Bandbreite an Emotionen. Eine lebensbejahende Fröhlichkeit ist zweifelsohne etwas ganz Wunderbares, wenn sie echt empfunden bzw. entwickelt wird. Aber als emotionale Zwangsjacke kann (und darf) sie ökonomische und politische Systemschwächen nicht überdecken.
Gerade in diesem Kontext bleiben negative Gefühle sinnvoll und wichtig. Die Mutter des Fortschritts, des Wohlstands und des Aufbruchs war noch nie die Dankbarkeit. Es war von jeher die Wut, die Angst und die Unzufriedenheit…

Beitragsbild Blog Kopfsachen: Gute Gefühle reichen nicht zur Rettung der Welt