Glück und Gelassenheit sind kurzfristige Zustände
Häufige Wünsche, die mir Klienten zu Jahresbeginn äußern, beziehen sich auf Arbeiten am SELBST: „Ich will gelassener werden“, „Ich will stabiler sein“ oder „Ich will endlich mein Glück finden“. Viele der Vorsätze entpuppen sich dabei als impliziter Wunsch, etwas dauerhaft erreichen zu wollen, im Sinne einer Entwicklung bzw. Verbesserung.
Dabei verwechseln Menschen jedoch Eigenschaft mit Zustand. Der Wunsch nach psychischer Konstanz ist nachvollziehbar, nichtsdestotrotz sind zeitlich überdauernde Empfindungen dergestalt weder realistisch, noch sind sie natürlich. Im Angloamerikanischen unterscheidet man hier etwas sorgfältiger zwischen „state“ und „trait“. Gelassenheit ist in dem Zusammenhang ein Zustand, den man zwischenzeitlich gewinnen oder einnehmen kann, aber es ist keine zeitlich überdauernde Eigenschaft, die einen Menschen kennzeichnet.
Gefühle sind das Echo dessen, was vorher war
Unsere Wahrnehmung vollzieht sich nämlich zuvorderst im Wechsel: Ruhe wird erst vor dem Hintergrund von Bewegung verständlich. Die Freude am Brot wächst aus der Erfahrung von Hunger. Und ein warmes Kaminfeuer Ende Januar wird besonders behaglich, wenn man vorher in Eiseskälte spazieren war. Alles was wir fühlen, ist somit ein Stück weit ein Echo dessen, was „zuvor“ geschah.
Auch ein unsere täglichen Freuden entstehen meist nicht aus der Sache an sich, sondern aus der Aufhebung eines zuvor gespürten Mangels. Jeder weiß, wie gut ein kühles Bier an einem heißen Sommertag schmeckt. Selbst ein langweiliges Glas Wasser reüssiert zu einer kulinarischen Köstlichkeit, sobald man Durst hat. Heraklit schrieb einst: „Erst Krankheit macht die Gesundheit angenehm, Hunger die Sättigung, und Mühsal die Ruhe.“
Der Grund dafür liegt, wie sollte es auch anders sein, in unserem Gehirn: Neuronen reagieren nämlich vor allem dann, wenn sie Unterschiede zwischen Zuständen registrieren. Je unerwarteter, desto stärker. Eine bewährte Regel der Wahrnehmungspsychologie lautet: Die stärkste Stimulation ist die Überraschung! Bereits nach kurzer Zeit des Immergleichen habituieren die Nervenzellen bereits wieder. Aus diesem Grund ist weder ein anhaltendes Glück noch eine stabile Gelassenheit möglich. Wir häufen diese Zustände nicht dadurch an, dass wir sie festhalten und zur Kontinuität machen, sondern dadurch, dass wir mutige Kontraste im Leben schaffen und Gegensätze zulassen. Sei es ein kurzes Hinsetzen nach kräftezehrenden Bemühungen, eine Umarmung und ein wohltuendes Schweigen nach einem lauten Streit, oder ein tiefer Atemzug nach einem Schreckmoment.
Ein gesunder Dualismus
Die mitunter in unserem Land etwas einseitig geführte Diskussion über „Glücksvermehrung“ und „dauerhaftes Wohlbefinden“ bräuchte in diesem Zusammenhang ebenfalls wieder etwas mehr Bewusstsein für etwas, das in Vergessenheit zu geraten scheint: Die „glücklichste“ Form des Lebens ist dual: Entspannung findet, wer Anstrengung und Leistung nicht aus dem Weg geht. Und Leichtigkeit empfindet, wer sich an anderer Stelle Gefühle von Traurigkeit oder Angst erlaubt.
Wer sich süße Zustände wünscht, darf ihren bitteren Wechsel nicht scheuen. Bereits in den hochphilosophischen Schriften von Asterix heißt es (in Anlehnung an ein Zitat von Lucius Anneaus Seneca):
Per aspera ad astrae. Zu den Sternen gelangen wir nur auf dem Weg durch das Bittere…

Beitragsbild Kopfsachen: Durch das Bittere zu den Sternen