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Bitte etwas weniger Gesundheitsmoral!

Healthism

Der französische Schriftsteller Rochefoucauld spottete vor mehr als 350 Jahren: „Was für eine lästige Krankheit ist doch jene, die uns zwingt, unsere Gesundheit durch eine strenge Lebensweise zu erhalten.“

Seine Bemerkung legt ironisch den Finger in eine ziemlich moderne Wunde: Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Menschen glauben, ihre Gesundheit durch ausreichenden Schlaf, mindestens 10.000 Schritte am Tag und die Pflege der eigenen Darmflora steuern zu können. Wer trotzdem krank wird, muss irgendwo geschlampt haben. Als würden Disziplin, Vernunft und Selbstkontrolle zuverlässig über das Krankwerden gebieten. Krank zu sein bekommt den leisen Beigeschmack von persönlichem Versagen: Hättest du dich halt mehr bewegt, mediterraner ernährt oder weniger gearbeitet. Wahrscheinlich wäre auch Eisbaden sinnvoll gewesen (derzeit die Medizin für „alles“). Eine solche Form moralischer Gesundheitsideologie wurde bereits in den 1980er Jahren von dem Soziologen Robert Crawford als Healthism beschrieben.

Wo soll das hinführen? Was geschieht, wenn wir den vernünftigen Wert von Gesundheit so weit erhöhen, dass Selbstbestimmung, Genuss oder (wie ich finde) das Recht auf Unvernunft dahinter zurücktreten?

Krankheit ist kein Ausdruck von Versagen oder Schuld

Juli Zeh hat aus dieser Idee eine Dystopie gemacht: In „Corpus Delicti“ herrscht ein politisches System, das die Gesundheit zum höchsten gesellschaftlichen Wert und zu Bürgerpflicht erklärt. Körperfunktionen und Lebenswandel werden permanent überwacht, und gesundheitsschädliches Verhalten wird als Verstoß gegen die gesellschaftliche Ordnung geahndet. Man kann den Roman durchaus als literarische Radikalisierung des Healthism-Gedankens verstehen.

Eine solche Haltung ist nicht nur wissenschaftlich erschreckend naiv, sie ist auch menschlich gnadenlos, wenn Sie mich fragen. Wer viele Jahre Menschen behandelt hat, weiß: Gesundheit lässt sich zwar begünstigen, aber durch nichts und niemanden erzwingen. Sie lässt sich ehrlich gesagt nicht mal ganz so eindeutig steuern, wie wir es uns in der heutigen Zeit gefühlter „Machbarkeit“ einbilden.

Mehr Bescheidenheit und Gelassenheit

Etwas mehr Bescheidenheit wäre angemessen: Krebs lässt sich nicht dadurch verhindern, dass man auf Zucker verzichtet, Joggen ist keine Versicherung gegen Herzinfarkt, und Migräne löst sich nicht dadurch auf, dass man Stress vermeidet. Gesundheit ist weder eine persönliche Leistung, noch ist sie Ausdruck des Charakters, oder höherer Moral. Menschen sind auch nicht „schuld“ an ihren Erkrankungen. Bleiben wir bitte menschlich.

Prävention bleibt zweifelsohne sinnvoll, weil Wahrscheinlichkeiten beeinflussbar sind. Aber wo wir aus ihnen persönlich kontrollierbare Ergebnisse machen und den Faktor „Zufall“ aus der Gleichung kürzen, beginnt inhumaner Healthism.

Gesünder macht uns das nicht. Ein Zitat des indischen Philosophen Krishnamurti bringt es auf den Punkt: „Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine kranke Gesellschaft angepasst zu sein.“

 

Beitragsbild Blog Kopfsachen Volker Busch: Etwas weniger Gesundheitsmoral bitte!

Beitragsbild Blog Kopfsachen Volker Busch: Etwas weniger Gesundheitsmoral bitte!

Es wäre mir eine große Ehre und Freude, wenn ich Sie künftig mitnehmen dürfte auf meine Reise durch die Welt von Geist und Gehirn.

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