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Algophobie. Haben wir Angst vor (Wachstums-)Schmerzen?

Wachstumsschmerzen

Wenn ich als Kind gelegentlich „Gliederschmerzen“ hatte, beruhigte mich meine Mutter damit, sie seien „wachstumsbedingt“. Es waren zwar keine Knochenschmerzen, wie man lange annahm, aber wichtige Anpassungsreaktionen eines sich verändernden Bewegungsapparates. Ibuprofen war zwecklos. Meist reichte die Sicherheit in dem Wissen, dass es ein harmloser Prozess zugunsten eines höheren Ziels ist: Wachstum.

Gesellschaftlich habe ich zurzeit den Eindruck, dass wir Wachstumsschmerzen dergestalt kaum akzeptieren wollen. Zwar wünschen ALLE Veränderung, aber JEDER schreit laut „Aua“, wenn es ihn selbst zu treffen droht. Kaum ein Interessenverband, der nicht empört auf die höchste Zinne seiner Verteidigungsanlage springt, wenn er zur allgemeinen Kosteneinsparung beitragen soll. Gewerkschaften, Krankenhausgesellschaften und Ärztekammern: Niemand will etwas hergeben. Der eigene (Verlust)Schmerz scheint überwältigend. Die Psychotherapeuten haben einen Aufstand wegen 4.5% Honorarkürzung gemacht, als würde man Ihnen den Kühlschrank leer räumen. Ich habe mich geschämt für meine eigene Zunft!

Algophobie

Byung-Chul Han schrieb in seinem Essay „Palliativgesellschaft“ von einer grundlegenden Algophobie (Schmerzangst) der Gegenwart, die zurzeit das gesellschaftliche, politische und private Leben prägt. Schmerzen werden nicht mehr zugelassen, man reagiert geradezu panisch. Entsprechend ist die Politik bemüht, aufkommende Schmerzen möglichst früh zu betäuben oder durch Ablenkung zu verdrängen. Im öffentlichen Diskurs werden allenfalls analgetische Positionen geduldet. Das Wohlgefühl der Wähler hat weiterhin oberste Priorität. Schmerzvolle Brüche, die bspw. in der Renten-, Gesundheits- und Bildungspolitik notwendig wären, um eine Gesellschaft langfristig zum Guten zu verändern, sind nicht konsensfähig. Die irrwitzige Idee einer 1000,- Euro Prämie nach der (schmerzvollen) Schließung der Straße von Hormus ist ein typischer Ausdruck der Bemühung um Anästhesie statt um eine tiefgreifende Veränderung.

Seit ca. 20 Jahren bin ich Schmerzpsychotherapeut. Nicht immer sind Schmerzen Anzeichen von Erkrankung oder Verletzung eines Funktionssystems, sondern oft auch klinischer Ausdruck von Veränderung, die zu konsekutivem Wachstum führt. Gerade bei psychosomatisch bedingten Schmerzen ist dies der Fall. Ganz im Sinnes Nietzsche und Kafkas besitzt Schmerz (auch) eine sinnstiftende, wahrheitsöffnende und in Bewegung bringende Funktion.

Schmerzen aushalten

Ich würde mir so sehr wünschen, wir würden als Gesellschaft die Fähigkeit zurückzugewinnen, Schmerzen zu ertragen, wenn wir uns weiter entwickeln möchten: Sozial gerecht, jeder nach seinen Möglichkeiten, aber gemeinsam und ohne Ausnahme. Beenden wir das narkotische Wohlfühl-Koma und überwinden wir unsere Algophobie. Eine Gesellschaft, die wachsen möchte, wird es ohne zwischenzeitliche Schmerzen kaum schaffen. Wir könnten versuchen sie aushalten, weil wir wissen, sie dienen einem höheren Zweck.

Dann erwächst aus ihnen die wirksamste Form der Bewältigung: Sinn.

 

Beitragsbild Blog Kopfsachen Algophobie

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